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Call of Duty: Infinite Warfare – Review: Bitte lasst diesen Krieg nicht ewig dauern

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Call of Duty: Infinite Warfare stand von Beginn an unter keinem guten Stern – der Ankündigungs-Trailer brach Rekorde für die meisten Dislikes eines Gaming-Videos, die Community lief gegen Boostjumps und das nächsten Future-Setting Sturm. Auch die Ankündigungen von Infinity Ward, dass es sich doch trotz Weltraumschlachten und Co. um einen echten Militär-Shooter inklusive dem gewünschten Boots on the Ground handelt, brachte keine Besserung, was man sogar an den Verkaufzsahlen sehen kann. Trotzdem haben wir das neue Call of Duty gespielt und wissen jetzt, was wir bekommen haben: Infinite Warfare ist an sich ein gutes Spiel und doch die größtmögliche Enttäuschung.

Auf der Erde und im Weltall

Sollten wir jemals auf den Gedanken kommen, ein neues Redaktionsbüro auf dem Mars zu bauen, sollten wir auf jeden Fall Aufpasser mitschicken, die ein Auge drauf haben, dass unsere geschätzten Kollegen dort nicht einen endlosen Hass auf die Erde entwickeln und uns für ein paar Ressourcen alle umbringen wollen. Ähnliches ist in Infinite Warfare passiert – erst gab es keine Ressourcen, dann ging es für die Ressourcensuche ins Weltall und jetzt haben wir den Salat. (#DankePräsidentX) Zum Spielstart überfällt die grausam böse Settlement Defence Force auf jeden Fall die Flottenparade auf der Erde und zerstört quasi alle großen Schlachtschiffe. Weil der Kapitän unseres eigenen Schiffs Retribution auch noch draufgeht, werden wir als symapthisch wirkender Lieutenant Reyes in Rekordzeit zum Kapitän befördert und machen uns dann auf den Weg, dem Feind so richtig in die Eingeweide zu treten. Wer sich jetzt fragt, wie genau das abläuft, für den haben wir eine einfache Antwort: Erinnert euch an Black Ops 3 und werft ein paar Raumkämpfe und Gefechte in Zero G dazu, wobei letztere sich dank der schwer erkennbaren Feinde und fast nie verfügbarer Deckung oft frustrierend spielen. Und wer sich auf die Raumkämpfe freut, für den haben wir auch nicht die besten Neuigkeiten: In den Fights lässt man uns zwar unser kleines Kampfschiff Jackal direkt steuern, sobald man ein Mal einen Feind im Visier hat, folgt unser Raumgleiter dem quasi dem zum Tode verurteilen Gegner aber automatisch. Anspruch kommt im Jackal also eher selten auf – selbst die doch sehr einfachen X-Wing-Fights in Star Wars Battlefront haben uns deutlich mehr abverlangt.

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Captain, oh mein Captain

Ansonsten regiert der gewohnt gute Standard: Wir rennen durch lineare Level, schießen Feinde um und ab und an sollten wir auch per Boostjump oder Wallrun an schwer zu erreichende Positionen kommen. Die Skriptsequenzen sind als Ausgleich für die Standardkost wie gewohnt ganz gewohnt bombastisch – abstürzende Raumkreuzer, gigantische Explosionen und die eine oder andere nette Idee wie eine alles verbrennende Sonne retten die Kampagne davor, in totaler Routine zu versacken. Dass wir der Captain eines Raumschiffs sind, kriegen wir allerdings leider nur selten mit: Fünf optionale Nebenaufgaben stehen uns zur Verfügung und das war es. Dafür öffnen wir viele Türen im Raumschiff selber, quatschen auch mal mit Leuten und können uns die Nachrichten zu unseren Taten ansehen. Trotzdem: Hier war viel mehr drin! Die Charaktere machen dafür einen sehr guten Job – feine Animationen, motiviert eingesprochene Texte und viele Details sorgen dafür, dass stellenweise mehr als nur das übliche Feeling von Call of Duty aufkommt und dass man seine Mitstreiter trotz – oder gerade wegen der – Klischees wirklich mag. Der Umstand, dass Kit *Jon fucking Snow* Harrington den großen Gegenspieler gibt ist allerdings verschenktes Potential: Nach ein paar Auftritten zu Beginn beschränkt sich der Schurke meist auf Videoanrufe mit ominösen Drohungen und maximaler Fiesheit, nur um dann nie wirklich böse zu sein. Kevin Spacey hatte in Advanced Warfare deutlich mehr und bessere Screentime.

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Routine im Weltraum

Nette Ideen und Gameplay-Elemente wie die Möglichkeiten, feindliche Roboter zu hacken oder Luftschläge anzufordern, werden leider durch einige neu hinzugekommene Feinde flott zunichte gemacht: Speziell mechanische Feinde schlucken mehr Kugeln, was den Spielfluss bremst und damit einer der großen Stärken von Call of Duty in den Weg kommt. Riesige Mechs können sogar ausgesprochen penetrant werden – anstatt epischer Fights gibt es im schlimmsten Fall frustrierendes Geballer auf lahme Kugelschwämme, wenn wir nicht flott hacken und dann die Selbstzerstörung aktivieren. Warum Infinity Ward unbedingt die schwächste Neuerung aus Call of Duty: Black Ops 3 einbauen musste, verstehen wir nicht so ganz. An anderer Stelle zeigt Infinity Ward dafür wieder echte Qualitäten – Waffen, Ausrüstung und die ganze Retribution sehen einfach glaubwürdig kaputt und funktional aus. Ein großes Lob verdient auch unser Squad, das ausgesprochen menschlich und damit symapthisch rüberkommt. Am Ende bleibt nach Abschluss der etwa fünf bis sechs Stunden langen Kampagne das Gefühl, dass man Spaß hatte, ohne dass man wirklich viele begeisterungswürdige Dinge erlebt hatte. Schlecht ist die Kampagne also nicht; so richtig rocken kann sie aber auch nicht. Ganz nett ist vermutlich die beste Beschreibung…

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Infinite Black Ops 3

Wer den Multiplayer anwirft, fühlt sich erst einmal nach Black Ops 3 zurückversetzt. Warum? Weil man wieder Spezialisten – die neuerdings Combat Rigs heißen – auswählt und dann mit Wallruns, Boostjumps, Slides und viel Geballer auf kleinen Maps in die Schlacht zieht. Neuerungen findet man bestenfalls im Detail: Man kann die Combat Rigs mit jeweils einer aus drei passiven und drei temporär nutzbaren Fähigkeiten oder Waffen anpassen. Und man kann nun bessere Varianten von Waffen mit Schrott craften, was neue Waffenperks mitbringt – 25 Abschüsse am Stück bringen beispielsweise mit einer Waffenvariante wieder eine Atombombe, die das Match beendet. Und es gibt pro Match ein paar Herausforderungen. Ansonsten ist Infinite Warfare im Multiplayer Black Ops 3 – wüssten wir es nicht besser, dann würden wir denken, dass wir neue DLCs für den letztjährigen Titel wieder inklusive dedizierter Server und Matchmaking ohne Server-Brwoser spielen. Und spätestens das ist eine Schande für Infinity Ward.

Alte Probleme

Und so sind neben der Optik auch die ganzen alten Probleme des Multiplayers wieder dabei: Man rennt wie auf Speed auf den kleinen und verwinkelten Schlachtfeldern herum, die Wallruns und Boostjumps sind nur begrenzt sinnvoll eingebunden und es herrscht immer das ganz großes Chaos. Feinde können aus jeder Richtung und in jeder Höhe ankommen und der Paniksprung nach oben ist teilweise die einzige Rettung, wenn uns wieder jemand in den Rücken schießt. Mit Killstreaks, Waffenperks und den Combat Rigs weiß man meistens nur, dass man definitiv nicht weiß, was uns als nächstes anspringt – und das kann man ruhig wortwörtlich nehmen, da ein Combat Rig ein Roboter ist, der regelmäßig in einen Hund transformiert über die Map sprintet und alle im Nahkampf zerlegt. Die Balance ist damit noch mehr zur Nebensache geworden. Wie üblich stimmt zumindest die Motivation und die Menge an Schlachtfelder und Modi. Wie in den letzten Teilen schon üblich spielen sich allerdings quasi alle Maps identisch – Infinite Warfare ist im Multiplayer eben im Guten wie Schlechten ein neues Call of Duty ohne jede Spur eigener Persönlichkeit.

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Zombies im Weltraum?

Im Weltall hört dich niemand schreien und auch im Weltraumpark in einer durchgeknallten 80er-Jahre-Version gilt diese Regel. Vier Coop-Spieler können hier Feinde abschießen, Barrikaden reparieren, für jeden Feindtreffer Geld bekommen und für die Kohle neue Levelteile freischalten, Munition auffüllen oder sich neue Waffen holen. Ihr fragt euch, was neu ist? Es gibt neue Zombies, neue Waffen, neue Sammelkarten, einen Stapel Geheimnisse und David Hasselhoff als D.J. Und das war es – der Zombie-Modus von Infinite Warfare ist guter Standard, ohne dass man auch nur eine Sekunde lang das Gefühl bekommt, dass hier irgendeine großartige Neuerung auf uns wartet. Zombie-Freunde haben Spaß und fühlen sich heimisch, der Rest zuckt vermutlich die Schultern. Warum Infinity Ward die hauseigene Alien-Kampagne eingestampft hat, die in Ghosts gut ankam, verstehen wir übrigens nicht.

Indiskutable Technik

Wenn Explosionen den Bildschirm füllen, feiner Funkenflug die Gegend beleuchtet oder Rauch und Nebel die Umgebung verdeckt, dann zeigt das neue Call of Duty trotz Uralt-Engine seine guten Seiten. Auch die Zwischensequenzen machen eine gute Figur – die Darsteller haben sich wirklich ins Zeug gelegt. Und wo wir schon loben: Der generelle Stil der Umgebungen kann ebenso überzeugen wie schicke Animationen, ein guter Soundtrack und die generelle Performance. Abseits davon ist Infinite Warfare aber nahe dran, sich für die Technik die rote Karte abzuholen: Die Texturen sind matschig, Detail ploppen teilweise spät auf und die Beleuchtung wirkt oft flach. Und es kommt schlimmer: Auf dem PC fehlen Anticheat-Maßnahmen komplett, der Netcode zeigt sich plattformunahängig trotz dedizierter Server sehr wankelmütig, die maximale Framerate ist auf dem PC auf 90 Bilder pro Sekunde gelockt und trotz SSD nerven gerne mal kleine Ladepausen in der Kampagne. Auf dem PC präsentiert Infinity Ward sich damit leider erneut gar nicht gut.

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Ein Ende

Lasst uns das einmal ganz klar formulieren: Infinity Ward war das Team, das Call of Duty erfunden und mit Call of Duty 4: Modern Warfare die Shooter-Welt für alle Zeiten geprägt hat. Genau dieses Team hat mit Infinite Warfare jetzt seinen absoluten Tiefpunkt erreicht (was nach Ghosts nur schwer denkbar ist, aber leider stimmt). Dabei ist der Weltraumausflug nicht einmal ein schlechtes Spiel: Die Kampagne ist routiniert durchexerzierter Standard mit ein paar coolen Ideen, der Zombie-Modus ist ganz lustig und der Multiplayer funktioniert auch angemessen. Aber Infinite Warfare verpasst es, auch nur in einem einzigen Punkt neue Standards zu setzen, bestehende Probleme der Serie zu beheben oder irgendeine echte Neuerung abseits von Gadgets anzubieten. Die Kampagne bietet genau das, was man schon kennt – durch Korridore rennen, Feinde umschießen und die nächste bombastisch inszenierte Skriptsequenz um die Rübe gehämmert bekommen. Jetzt kämpft man auch mal im Weltall (gegen oft fast unsichtbare Feinde…) und steuert den Jackal, was leider weniger cool und episch als gehofft ist, weil alles quasi auf Autopilot abläuft. Der Zombie-Modus ist schlicht und ergreifend ein neuer Zombie-Modus mit ein paar Neuerungen und einem durchgeknallten Setting. Und der Multiplayer ist nicht mehr als Black Ops 3 mit ein paar Neuerungen, die leider neben weiterer Motivation auch neue Balance-Probleme mitbringen und keinen einzigen der längerfristig bestehenden Fehler der Serie in Ordnung bringt. Technisch präsentiert sich speziell die PC-Version jenseits von gut und böse – ein Lock auf maximal 90 Bilder pro Sekunde, der fehlende Cheat-Schutz und regelmäßig verwaschene Texturen sind 2016 eine Schande. Aber auch wenn man die Probleme vergisst ist Infinite Warfare nur Routine – es ist nicht schlecht, man findet flott Spielspaß ohne lange suchen zu müssen und die Inhaltsmenge passt. Aber mehr als ganz nett ist das neue Call of Duty auch nicht. Und in Zeiten von Battlefield 1, Titanfall 2 und Rainbow Six Siege ist das eben auch zu wenig.

Der Chefredakteur ganz privat

Ich hatte die Hoffnung, dass Infinite Warfare gut wird. Wirklich. Ich liebe Sci-Fi – allein in Mass Effect habe ich hunderte Stunden gesteckt. Ich mag auch Call of Duty – Modern Warfare war genial und selbst ein Modern Warfare 3 habe ich viele Stunden gespielt. Meine Mitstreiter im Singleplayer haben mir zum Start dann auch trotz aller Unkenrufe und der Sorgenfalten Hoffnung auf ein wirklich gutes neues Spiel gemacht, weil man hier die Liebe zum Detail gemerkt hat. Es hat sich nur nicht bestätigen können – vielleicht habe ich das eine oder andere Call of Duty zu viel gespielt, aber irgendwie ist die Luft raus. Klar, die Kampagne kann man mal machen. Man wird trotz der idiotisch viel aushaltenden Roboter gut unterhalten – nette Skripts, nette Mitstreiter, nette Inszenierung, alles ganz nice. Aber dann ist da noch der Multiplayer und ich falle vom Glauben an. For fucks sake: Infinity Ward hat mit Modern Warfare die Shooter-Welt geprägt. Das ist das Studio, das für jeden verdammten Vorwurf hauptverantwortlich ist, den Battlefield-Fans in Richtung von Battlefield und der „Call of Duty“-fizierung gebrüllt haben. Und was kommt jetzt? Infinite Warfare hat keinen Multiplayer – das, was man dort unter Multiplayer findet, ist Black Ops 3 mit ein paar neuen Namen. Es gibt keine Identität, keine neuen Ideen, keine Einzigartigkeit – ich renne durch ein Labyrinth enger Lanes und hoffe, dass mir nicht jemand in den Rücken schießt. Im Multiplayer ist kein bisschen Individualität, Kreativität oder auch nur der Ansatz, wirklich etwas Neues zu machen, zu spüren. Und so ist Infinity Ward plötzlich zum Resteverwerter von Treyarch geworden, die man früher nach Lust und Laune mit neuen Ideen und Spielen dominiert hat. Irgendwie ist das die für mich bitterste Erkenntnis: Dass ein ehemal so geniales Studio jetzt wirklich nichts Neues mehr zu bieten hat und in Mittelmäßigkeit feststeckt.

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SirUruk
Editor & Admin of battlefieldseries.de knowing everything about shooters. Marketing man. All thoughts my own. Call me Mike or forget it. #Yolo #Swag #Catz

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