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Mass Effect: Andromeda – Review: Große neue Galaxie & Alte und neue Probleme

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Mass Effect: Andromeda hat ungefähr so sehr zu kämpfen wie wir nach einem massiven Kater an diesem Text: Die Ära von Commander Shepard ist vorbei und anstatt dem Kampf gegen die Reaper stehen eine neue Galaxie, unbekannte Bedrohungen und das Leben als Siedler im Mittelpunkt. Dazu kommen grauenhafte Diskussionen über Gesichtsanimationen, der von 4Chan geschürte Hass gegen Bioware an sich und die vielleicht größte Frage von allen: Hat die Welt wirklich ein neues Mass Effect gebraucht? Hätte man sich nicht einfach einen Gefallen tun können und ein neues Universum nehmen können? Antworten auf diese Fragen gibt es hier im größtenteils spoilerfreien Test…

Weit, weit weg…

Der Anfang von Andromeda ist ganz einfach: Ungefähr 600 Jahren nach den Geschehnissen von Mass Effect 2 kommen riesige Archen voll mit Kolonisten in der Andromeda-Galaxie an. Warum? Weil die angesichts der Bedrohung durch die Reaper einfach mal abgehauen sind, Commander Shepard hat davon absolut nichts mitbekommen (unglaubwürdig…) und als Sohn oder Tochter vom Pathfinder – aka dem Typen, der für die Menschen einen guten Heimatplaneten finden soll… – wachen wir aus dem Kälteschlaf auf, um die potentielle Heimatwelt zu untersuchen. Statt einer schönen Welt mit Stränden ist die erste Welt aber total ungemütlich und dazu noch von einer schießwütigen Alienrasse besetzt, die sich dort herumtreiben. Ohne viel zu spoilern können wir sagen: Wir kämpfen uns durch, überleben die erste Mission und sind am Ende aus einem eher suboptimal umgesetzten (dazu später mehr) Plot-Twist der neue Pathfinder. Weil alles düster aussieht, haben wir dazu viel zu tun – Probleme lösen, eine neue Heimatwelt finden und ganz nebenbei herausfinden, was die Kett alles wollen.

Besser kämpfen

Der erste Eindruck ist dabei durchweg positiv: Die von der FrostBite-Engine erzeugten Umgebungen sind beeindruckend bis atemberaubend – Lichteffekte und Details erwecken die teils fremdartigen Landschaften wunderbar zum Leben. Und die Gefechte – traditionell mit zwei Mitstreitern… – spielen sich großartig: War Commander Shepard immer etwas hüftsteif unterwegs, ist es Ryder ganz sicher nicht: Man springt elegant über Objekte, nutzt ein Jetpack für größere Sprünge und schmiegt sich automatisch in Deckung. Letzteres ist manchmal etwas ungewohnt; wer aber mitbekommen hat, dass man die Kamera von der rechten auf die Linker Seite unseres Helden schwenken kann, fühlt sich schnell heimisch. Dazu kommen massenhaft Ausrüstung, Crafting und Skills – Andromeda bietet uns ein rundum verbessertes Kampfsystem, das einfach Spaß macht und es uns auch noch ermöglich Fähigkeiten und Ausrüstung beliebig zu kombinieren, womit wir noch mehr Freiheiten haben. Weil die Kampfgebiete auch deutlich größer als in den Vorgängern ausfallen und mehr Vorgehensweisen zulassen, rockt das Gameplay im Gefecht definitiv.

Ein Auf und Ab

Leider ist das nicht immer bei der Geschichte der Fall, die stellenweise ihre Längen hat. Ähnlich wie im ersten Mass Effect sind wir in einer fremdartigen Welt unterwegs, kennen uns kaum aus und müssen uns das Vertrauen der anderen Rassen, Mitstreiter und Gruppierungen erwerben. Gleichzeitig gibt es nur wenige neue Rassen – Turianer, Menschen, Asari und Kroganer sind immer noch dabei und sehr stark vertreten. Das mag zwar nicht schlecht sein und sogar Sinn machen; Andromeda ist damit aber keine echte Befreiung von den Vorgängern, sondern mehr vom Alten. Und das gilt wie kaum etwas für die Geschichte, die einfach sehr stark an das erste Mass Effect erinnert – man ist fremd, man muss sich Respekt verdienen, es gibt eine mysteriöse feindliche Alienrasse und auch noch geheimnisvolle Ruinen einer verschwundenen Zivilisation. An anderen Stellen brennt Andromeda dafür ein ganzes Geschichtenfeuerwerk ab: Eine schreckliche Enthüllung schockt uns wirklich, manche Missionen sind atemberaubend inszeniert und die Welt fühlt sich immer glaubwürdig und real an.

Zeug machen

Gerade der letzte Punkt funktioniert dabei nur deshalb so gut, weil wir uns auf Planeten umsehen dürfen: Wir können mit unserem Squad losziehen, herumfahren und von einem spannenden Punkt zum nächsten brausen. Dort warten manchmal nur Gegner und etwas Loot, an anderer Stelle entspinnt sich eine Geschichte. Alles trägt dazu bei, die lebensfeindlichen und gefährlichen Planeten bewohnbar zu machen – auch kleine Nebenmissionen machen also Sinn. Glücklicherweise erspart uns Bioware schrecklich langweilige und eintönige Sammelaufgaben (obwohl es die auch gibt – wer 100 Prozent Completion Rate will, muss sich also manchmal etwas quälen…), sondern punktet mit Geschichten, die wirklich Sinn machen und uns Entscheidungen treffen lassen. Das klappt mal besser und mal schlechter; die Kombination aus Gesprächen, Action und neuen Ideen mit dem Scannen der Umgebung funktioniert aber gut. Teilweise gibt es auch noch eine Kettbasis, die man angreifen muss – was in einen epischen und langen Fight mündet – oder ein uraltes Labyrinth, das man durchqueren und aktivieren muss. Auch abseits der Hauptgeschichte ist man also mehr als genug beschäftigt und hat genug Abwechslung; weil man dazu noch sieht, wie nach einem bestimmten Fortschritt ein neuer Außenposten gebaut wird, erhöht das die Motivation. Cool: Dank dem neuen Außenposten gibt es auch neue Missionen. Trotz all der Abwechslung und dem guten Eindruck ist es allerdings schade, dass Bioware keine Railgun-Sequenzen oder Ähnliches ins Spiel gepackt hat, nachdem man in Mass Effect 3 so für Abwechslung gesorgt hat.

Liebe und Humor

Abseits der nicht gerade kleinen Aufgabe, Heimatwelten zu finden, sie bewohnbar zu machen und die bitterbösen Kett zu bekämpfen, gibt es natürlich noch den zweiten großen Teil eines jeden Bioware-Spiels: Die Nebencharaktere, die mit uns mitreisen und mit denen man sich gerne auf dem hauseigenen Raumschiff Tempest unterhält. Etwas unschön: Es gibt nur sechs Charaktere, die man mitnehmen kann und dazu einige weitere Leute auf dem Schiff. Und die Qualität der Gespräche kann schwanken. Klar: Es sind eher junge Menschen, die noch keine große Erfahrung haben. Aber mindestens ein Augenrollen ist bei mindestens einem Gespräch sicher dabei. Trotzdem ist das Gemecker auf sehr hohem Niveau: So wie immer hat man seine Lieblinge, die dazu noch deutlich ausgefeilterr sind als vorher – Cora ist uns beispielsweise sofort ans Herz gewachsen, während wir mit Jaal nicht so viel zu tun haben wollen. (Andere Leute sehen das ganz anders und beweisen dadurch schlechten Geschmack.) Sehr schön: Anstatt alles auf eine kurze Knutschszene auszurichten, hat Bioware Beziehungen deutlich ausgefeilter gestaltet; sogar Beziehungen mit Charakteren abseits der Crew sind drin. Und die optionalen Aufgaben der Charaktere sind der Hammer und verdammt großartig. Man kann Bioware also sicher manche Dinge sicher vorwerfen, die Entwickler haben trotzdem liebenswerte, interessante und ausgefeilte Charaktere erschaffen, die an sich sogar besser sind als vieles, was in den vorherigen Spielen war.

Episch und gar nicht episch

Stellenweise kann Andromeda durch die Geschichte, die Gespräche und die Entscheidungen eine unglaubliche Sogwirkung entfalten. An anderer Stelle fragen wir uns aber verzweifelt, warum zur Hölle das so schief läuft oder man die Chance für eine epische, berührende oder anderweitig erinnerungswürdige Szene einfach verschwendet. Ein Beispiel ist eine recht früh stattfindenende Szene, in der ein wichtiger Charakter stirbt. Andromeda zeigt fast nichts und obwohl das Thema immer wieder auftaucht, wird es fast nebenbei abgefrühstückt. Warum? Wir wissen es nicht. An anderer Stelle wird durch kleine Entscheidungen, schlimme Überraschungen oder einfach nur menschliches Verhalten der Charaktere eine großartige Atmosphäre erzeugt, die es in sich hat. Warum es dieses kurzzeitige Abflachen der erzählerischen Qualität gibt, können wir uns leider auch nicht erklären. Und warum es nur wenige wirklich relevante große Entscheidungen gibt, wissen wir leider auch nicht.

Kooperativer Spaß

Wer keinen Bock mehr auf die Geschichte hat, kann sich in den Coop stürzen. Der ist ungefähr wie der Coop von Mass Effect 3 nur größer, umfangreicher und mit mehr Unlocks: So wie immer schnappt man sich einen Charakter, kämpft mit bis zu drei Mitstreitern gegen Wellen von Gegnern und bekommt am Ende nicht nur Erfahrungspunkte und neue Level, sondern auch noch Lootkisten mit zufälligem Inhalt. Der Rest ist Geschichte: Wer sich einmal reinstürzt, kommt erst sehr viel später raus – die Suchtspirale funktioniert und das rundum verbesserte Gameplay hilft deutlich. In Zukunft wird Bioware dazu weitere Charaktere, Umgebungen und Feinde kostenlos nachliefern.

Schönheit mit Macken

Sagen wir, wie es ist: Mass Effect: Andromeda ist ein sehr schönes Spiel mit ein paar Macken.Während Umgebungen, Beleuchtung und wichtige Charaktere voll und ganz überzeugen können, sehen manche Nebencharaktere sehr gleich aus. Dazu haken manche Animationen etwas: Während der erste große Patch die Gesichtsanimationen und Augen größtenteils auf Vordermann brachte, kann es aufgrund einiger Glitches ab und an immer noch zu merkwürdigen Entengängen und Ähnlichem kommen. Das passiert aber so selten, dass es kein Problem darstellt. Viel schlimmer finden wir, dass Bioware es immer noch nicht hinbekommen hat, sich überlagernde Sounds in einer Hub-Umgebung richting hinzubekommen, womit eigentlich ganz interessante Gespräche von NPCs teils abrupt abgeschnitten werden. Dafür entschädigen tolle Waffensounds und ein guter – wenn auch nicht ganz so ikonischer – Soundtrack. Trotz einiger Macken ist Andromeda also auch technisch überzeugend.

Ambivalentes Fazit

Mass Effect: Andromeda ist eines dieser Spiele, die es einem schwer machen. Denn ja: Es hat viele wunderbare Momente. Einige Squadmitglieder sind großartig, manche Missionen und Umgebungen herausragend und auch all die Dinge, die das nicht sind, sind immer noch Mass Effect und Bioware – und damit weit weg von seelenlosen Nebenaufgaben, stupiden Geschichten und stumpfem Abschlachten dummer Gegner. Aber Andromeda ist eben auch ein Titel, der fünf Jahre nach Mass Effect 3 herauskommt und es dabei abseits des Kampfsystems nicht schafft, die Vorgänger wirklich zu deklassieren. Klar: Mass Effect, Mass Effect 2 und Mass Effect 3 waren großartige und richtungsweisende Titel. Aber das kann keine Entschuldigung sein, dass Andromeda es nicht schafft, sich erzählerisch wirklich abzusetzen. Das, was man beim Gameplay geschaft hat, schafft man weder bei den Charakteren noch den Gegnern oder den Entscheidungen – bei letzteren geht man sogar etwas zurück. Die große Stärke ist am Ende die Welt, die Geschichte und der Mix aus Gesprächen, Action, Erforschung und all dem, was Mass Effect: Andromeda am Ende als ein echtes Mass Effect ausehen lässt. Aber an diesem althergebrachten Mix ändert sich nichts: Man macht eine Hauptmission, unterhält sich mit den Charakteren und wiederholt das bis zum Finale ein paar Male. Die Auflockerung durch den sichtbaren Einfluss auf die Welt hilft; wir können aber das Gefühl und die Gewissheit nicht abschütteln, das deutlich mehr drin war. Der ganz große Wurf mit neuen Standards ist Andromeda dann leider doch nicht geworden. Trotzdem: Wer Mass Effect mag, kann sich Andromeda gefahrlos holen.

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